Melancholie im Bad

Der Mann liegt im überwarmen Badewasser bei sich zu Hause im Bad. Er hat die Augenlider gesenkt, blickt an sich hinunter. Er sieht zwei Penisse, weil sein erschöpfter Blick nicht mehr fokussieren kann und die Augen in die Unendlichkeit schauen. Die Penisse liegen knapp unter Wasser, bewegen sich im Gleichklang, träge und doch ein wenig zackig. Ihr Schwappen erinnert den Mann an eine Boje im Zürichsee, zu der er einmal hinausgeschwommen ist. Die gelbe Metallboje war leicht beschädigt gewesen. Ein wenig Luft war entwichen. Sie konnte sich nicht mehr über Wasser halten. Vom Wellengang bewegt schwankte die gelbe Boje hin und her, tanzend, als hätte sie keinen eigenen Willen mehr, gehorchte nur willenlos den äusseren Kräften. Bald würde sie völlig untergehen.
Der Mann erinnert sich auch, wie er wieder zurückgeschwommen war, wie er kämpfen musste mit den hohen Wellen, die ein Dampfschiff ihm entgegengestossen hatte. Auf der Liegewiese in der Badeanstalt war er wie tot hingelegen, war eingeschlafen in der brütenden Sonne, weil er so müde gewesen war.
Jetzt ist er auch müde. Das heisse Wasser nimmt ihm jeglichen Antrieb. Seine Arme liegen im Wasser, die Hände auf dem Unterbauch, wie tote Fische auf Grund. Nur die Knie schauen aus dem Wasser. Zwei flache Atolle. Leichte Beute für hohe Wellen.
Er denkt. So bringen sich manchmal Leute um. Liegen ins heisswarme Wasser. Schlitzen sich einfach die Adern auf und lassen das Blut herauslaufen, bis nichts mehr drin ist im Körper, bis das Blut und das Wasser gleichmässig vermischt sind.
Diese Prozedur will sich der Mann nicht vorstellen. Einerseits sind da die Schmerzen. Sich absichtlich schneiden, das kann er sich nicht vorstellen. Aber noch vielmehr ist ihm unbegreiflich, dass man willentlich seinen Körper der Welt öffnet. Man verletzt seine Integrität ganz bewusst, schneidet eine Pforte in eine feste Mauer und lässt das Innere und das Aeussere eins werden.
Das Leben diffundieren lassen.
Das könnte ich nie tun, denkt der Mann und denkt zugleich an das Sich Erhängen. Damit hätte er weniger Probleme. Das Seil mag einschneiden, nun gut. Aber es bleibt eine humane Art sich zu verabschieden, weil man als Mensch ganz bleibt. Das Seil verstärkt sogar noch die Differenz zwischen Welt und Körper. Man stärkt das Sich und verabschiedet sich von Aussen indem man die Grenze noch verstärkt. Kein Austausch mehr mit der Welt. Sich gänzlich abtrennen von der Welt. Das macht dem Mann Sinn.
Obwohl, denkt der Mann, es kann geschehen, dass man sich dabei entleert. Aber auch das macht ihm Sinn. Der dumme Abfall wird ausgeschieden. Was der Welt gehört, wird der Welt zurückgegeben. Zurück bleibt ein reiner Körper, abgeschieden von der Welt um sich. Im Reinen mit sich.
Leer.
Dann denkt der Mann eine Zeit lang nichts. Er ist müde. Er ist erschöpft. Einmal hebt er die Hand, plätschert im Wasser. Dann lässt er sich wieder fallen, rutscht ein wenig tiefer, geht doch nicht unter, weil das Wasser trägt.
Dann denkt er wieder nichts. Irgendwann spritzt er sich mit beiden Händen Wasser ins Gesicht. Das weckt ihm kaum. Er reibt die Augen.
Dann hat er plötzlich Durst.
Er dreht den Kaltwasserhahn auf, schöpft sich kühles Wasser und trinkt freudig. Dann spritzt er sich spontan das kühle Nass ins Gesicht. Jetzt wird er wacher. Wie gut das tut.
Dann steht er auf und bekommt sogleich kalt.
Er trocknet sich mit einem Tuch.
Dann zieht er sich wieder an.
Dann arbeitet er nochmals ein paar Stunden weiter.

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