Der tiefe Schlaf


Der Mann hat wieder ewig lange geschlafen. Am Morgen liegt er halb wach, halb tot in einer Zwischenwelt. Da kommen ihm erneut die weisesten Gedanken.
„Es gibt ein Innen und ein Aussen. Es gibt die Welt und mich“, hört er sich selber reden.
„Das hast du gestern schon bedacht“, stellt eine Stimme fest.
„Ja.“
„Aber es gibt auch den Anderen, nicht wahr?“
„Jawohl. Und der hat auch ein Innen und ein Aussen.“
„Das ist richtig.“
„Richtig und noch viel mehr. Auch der Andere kann die Welt nicht begreifen, bleibt einsam in sich selbst. Ausgesetzt der Welt und doch allein.“
„Eine weise Erkenntnis“, lobt die Stimme, der Mann sich selbst. Dann sinkt er wieder tiefer in den Schlaf, als rutsche er einen Abhang in eine Höhle hinunter.
Später - er weiss nicht, wie lange es gedauert hat - wird er hell. Er spürt das Bettlaken in seinen Fingerspitzen. Seine Zunge fährt fahrig durch den Mund, findet Halt an seinen Vorderzähnen. Seine Narbe am Knie beginnt zu schmerzen. Er tastet sich hin zu dieser welken Blüte, streichelt sie, als wolle er sein Verständnis ausdrücken, dass sie schmerzen müsse. Dann gehen ihm erneut Gedanken an die Welt durch den Kopf.
„Wenn der Andere die Welt auch nicht erkennen kann, also, wenn nur sein eigenes Inneres letztlich ihm begreiflich ist …“
„Was ist dann?“
„Dann ist auch für mich nur dieses Andere real.“
„Nur das Innere von dir und von dem Anderen sind real. Eine gewagte These.“
„Ja, gewagt. Doch denk’ einmal darüber nach. Ich bin ich. Das ist der andere auch. Nur wenn wir uns zusammen tun, kann meine Welt sich erweitern.“
„Du meinst also, dass …“
„Ja, die Welt aussen ist mir unbegreiflich. Aber den Anderen kann ich kennenlernen, muss ihn kennenlernen, wenn ich meine Welt erweitern will.“
„Es geht immer um den Anderen.“
„Ja, das ist richtig. Nicht ich bin wichtig. Der andere erst erschliesst mir Welt.“
„Es geht immer um den Anderen.“
„Genau.“
„Das hat Buber schon gesagt.“
„Martin Buber, der Philosoph?“
„Genau.“
„Genau hat er gesagt?“
„Nicht genau. Es geht immer um den Anderen. Das hat er gesagt.“
„Also um mich.“
„Schlaf weiter!“


New York City, 1993

















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