Soldat sein


Der Mann erinnert sich.

Es sind Soldaten in der Stadt. Sie waren einfach da, als er in die Primarrschule wollte. Haben ihre Lastwagen nahe dem Schulhaus abgestellt, Kisten ausgeladen, Tarnnetze gespannt. Sie werkeln an Geräten, Maschinen. Stapel von Decken und Planen werden hin und her getragen.
Der Junge freut sich immer, wenn die Reservisten da sind. Wenn ein Freund mit ihm kommt, getraut er sich sogar nach Schokolade zu fragen. Manchmal bekommen sie ein Stück. Meist bekommen sie nichts.
„Verschwindet jetzt.“
„Nicht jetzt. Weg da.“
„Wir haben selber nichts.“
„Schoggi wollt ihr? Ich hab noch nie welche bekommen. Die fressen die Offiziere alle selbst.“
„Ha ha ha.“
Auf dem Schulhausplatz stehen dann Hundert Füsiliere vor ihren ausgelegten Sachen. Zerlegte Gewehre, Schuhputzzeug, Socken, Bajonett, Essgeschirr.
Zwischen den Reihen gehen goldbekränzte Offiziere wie Pfaue, zeigen mit dem behandschuhten Finger auf ein Ding. Dann bückt sich der Soldat, nuschelt irgendetwas, springt wieder auf, zeigt dem Offizier das verlangte Ausrüstungsstück, sein Sackmesser vielleicht, oder das  Besteck. Dann zieht sich der Offizier angewidert zurück, als ekle ihn vor dem Ding, das man ihm zeigt. Er knirscht irgendeinen Befehl, der Adjutant hinter ihm macht rasch Notizen, die Schultern des Soldaten fallen ein, das Gesicht zerfällt.
Vor einem Reservisten in den Dreissigern bleibt der Offizier stehen. Breitbeinig, stemmt er beide Fäuste in die Hüften. „So!“ schallt es über den ganzen Platz. „Wo ist ihr Soldatenbuch?“
„Herr Major, ich habe es nicht dabei.“
Der Major streckt das Kinn in die Luft, blickt in den Himmel, die Pupillen verdreht, so dass man nur noch das Weisse im Auge sieht. „Füsilier Muntsch zeigt mir wieder mal eine halbe Ausrüstung“, spricht er zerquetscht. Seine Unterhunde hinter ihm lachen schallend.
Der Soldat sagt nichts.
„Fünf Tage Arrest“, befiehlt der Mann mit dem steifen Hut.
„Ich muss am Montag wieder arbeiten“, sagt der Soldat.
„Wie heisst’s?“ brüllt der Offizier.

Später, als der Vater aus dem Wiederholungskurs entlassen ist, findet er das Soldatenbuch bei seinem Kind. Der Junge hatte das Büchlein ohne zu Denken genommen, als der Vater das Marschgepäck bereitgestellt hatte. Es hatte so wunderschöne Comics drin. Der Junge war fasziniert von den Bildern und Geschichten gewesen.
Es ist Krieg. Die feindlichen Soldaten sind unrasiert, haben kaputte Uniformen. Sie stehlen dem Bauern das Vieh und machen sich grölend über die Frauen her.

Unsere Soldaten haben schöne Uniformen.

Sie singen fröhlich beim Marschieren.



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Superschöne Frau


Der Mann bewegt sich durch die weite Landschaft eines noblen Kleiderladens. Er braucht ein Hemd und weil er gerade zuviel Geld hat, geht er exquisit shoppen. Er  lässt sich von Farben inspirieren, fühlt Stoffe, mustert Schnitte.
Als er zufällig aufschaut, sieht er eine wunderhübsche Frau. Ein Model?, fragt er sich sogleich. Nein, kein Model. Zu schön ist die Frau insgesamt.
Der ganze Körper ist harmonisch, die Beine superlang, auch weil die Frau leicht erhöhte Absätze trägt. Das dezent gemusterte Röckchen umfliesst ihre Beine zart, gibt sanft gebräunte Fesseln frei.
Die Frau ist schlank, aber nicht zu schlank, der Busen genau so wie er sein sollte. Ihre Hände die von Schneewittchen. Und dann das Gesicht. Bezaubernd, berauschend. Betörend und beängstigend in der ganzen Pracht irgendwie.

Ein Traumbild von einer Frau.

In echt.

Natürlich verliebt sich der Mann sofort in diesen Menschen. Meine Wunschfrau, geht es ihm durch den Kopf.
Ob er sie für sich interessieren könnte? Die Frau gefällt ihm unendlich. So berauscht ist er, dass er sogar vergisst sein Bäuchlein einzuziehen.
Die Frau dreht sich im Betrachten der Ware zu ihm. 
Er blickt rasch weg, er will nicht aufdringlich sein. Doch sogleich, erneut ein Blick zur Frau.
Sie bleibt berauschend, schön, bei jedem Blick.
Und was tut der Mann? Er lässt ab von dieser Schönheit. Macht keinerlei Versuch, sie anzusprechen, sich zu zeigen, ihr Interesse zu wecken.

Es gibt kein Interesse. 

Er weiss, er hätte keinerlei Chance bei ihr. Eine solche Frau kann wählen. Auswählen aus allen Männern dieser Welt. Aber sein Geld ist nur reichlich diesen Monat. Nächsten Monat wird er wieder sparen müssen. Mit einem solchen Armen wird sich die Frau nicht zeigen können. Wozu auch? Sie hat alle Chancen dieser Welt einen Supermann zu finden, da macht sich der Mann keine Illusionen. Er hat die unendliche Schönheit dieser Frau gesehen und weiss, dass sie längstens einen Lover hat.
Solche Frauen haben immer einen Freund. Einen reichen Freund. Einen ebenso schönen und reichen und smarten und liebevollen und selbstbewussten und mächtigen und einflussreichen Mann. Einen Lover, der superschön und sexy ist, in exquisiten Kleidern, die ihm sitzen, als wären sie ihm angegossen, die Lippen voll, die Fresse geil, die Haare akkurat geschnitten, die Schuhe handgemacht.
Der Mann dreht sich enttäuscht weg, verlässt den Laden eilig, während die Frau ihren Beschützer fragt, „Was meinst du zu diesen Schuhen?“
Der Mann hat den Angesprochenen noch nicht gesehen. Muss er nicht. Er weiss, dass dieser Andere jetzt geruhsam zur Schönheit hingeht, der Schritt wie der eines Fünf-Sterne-Generals noch gewonnener Schlacht, ihr die Hand an die Hüfte legen wird, diese mächtige, reine Hand, der alles gehört.
Vor dem Laden bleibt der Mann stehen. Das Wetter hat sich verschlechtert.  Erste Tropfen fallen.



















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Mann liebt Arzt

 
Der Mann hat keine Kraft mehr. Er kann nicht mehr. Kann nicht mehr schaffen, arbeiten, ist erschlagen durch und durch. Trotzdem will er leben, möchte er schreiben, lesen, lernen.

Er kann nicht.

Wenn er zur Entspannung ein Buch aufschlägt, kommt er keine Zeile weit, schon ist er erschöpft. Wenn er die Zeitung aufschlägt, überfliegt er die Schlagzeilen, nimmt sie nur als Flecken wahr. Die Bilder? Er sieht sie nicht, sieht kaum Farben, schon gar nicht irgendeine Form.

„Sie haben eine schwere Depression“, sagt der Arzt.
„Ja“, sagt der Mann und weiss, dass es nur die halbe Wahrheit ist.
„Hm“, sagt der Arzt um dem Mann Gelegenheit zum Reden zu geben, doch der Mann redet nicht, schaut nur leer.

Der Arzt schaut daher ruhig auf den Tisch vor sich. Sagt nichts.

Endlich sagt der Mann: „Ich fühle mich zutiefst geknickt. Meine Nerven sind zerrissen. Ich kann gar nichts mehr arbeiten, nichts mehr tun.“
„Ja“, sagt der Arzt leise.
„Ich habe ein Burnout. Ich fühle mich tot, erschöpft.“
Der Arzt nickt.
„Ich glaube, ich werde nie wieder auf die Beine kommen“, sagt der Mann.
„Aber, aber“, widerspricht der Arzt. „Das kriegen wir schon wieder hin.“
„Ja“, sagt der Mann. Nicht weil er weiss, dass der Arzt viele Medikamente im Schrank hat, oder besonders gut im Zuhören ist.
Der Mann spürt tief in sich, dass es nun endlich wieder aufwärts geht. Nicht, weil ihm einer zugehört hat. Sondern, weil er endlich sagte, was er sich schon längst hätte eingestehen müssen. Dass er am Boden zerschmettert ist.

Aber nicht am Ende.

Jetzt kann es nur noch aufwärts gehen.

Langsam hebt der Mann seinen Kopf.


























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Mann liebt Lokomotive


Der Mann hat sich vorgestellt, wie es wäre, vor einen Zug zu gehen. Es wäre schön, hat er gedacht. Nicht lange hatte er diesen Gedanken, vielleicht nur einen Moment. Aber immerhin. Ein paar Sekunden fand er diesen Gedanken verlockend.
„Ich habe so etwas wie eine grosse Erleichterung gespürt“, erzählt er einem Freund.
„Ich könnte das nicht. Das muss grauenhaft sein.“
„Ja, so denke ich meistens auch. Aber kürzlich, da dachte ich, dass es doch schön wäre.“
„Schön? Nein, das ist doch grauenhaft.“
„Nun, das muss nicht sein. Es geht nur eine Mikrosekunde, in der man leidet, vielleicht nicht einmal das. Wahrscheinlich ist man sofort tot. Erschlagen noch bevor das Hirn registriert, dass die Glieder ab sind.“
„Grauenhaft.“
„Ja, aber daran dachte ich nicht. Ich stellte mir vor, wie schön es wäre. Einfach allem entsagen. Sich hinsetzen, einen Moment warten. Dann kommt der Zug und es ist auch schon ….“
„Grauenhaft.“
„…also, ist es auch schon vorbei und man hat keine Sorgen mehr.“
„Ich will mir das gar nicht vorstellen.“
„Dass man keine Sorgen mehr hat?“
„Nein, die ganze Sauerei.“
„Daran denke ich nicht. Ich stellte mir nur einmal vor, wie schön das wäre einfach abzutreten. Keine Sorgen mehr zu haben.“
„Grauenhaft.“

























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Glücklich schweben

Der Mann ist schwerelos. Er liegt auf dem Rücken, fühlt sich unermesslich leicht und schwebt wie in einem weiten Traum. Seine Glieder hat er ausgestreckt. Er liegt ruhig, wird nur ganz leicht bewegt, wie ein dürres Blatt, das still zur Erde schwebt.
Ist er tot wie das lose Blatt? Er weiss es nicht. Er hat alle Welt vergessen, wie er so daliegt und schwebt. Verschwunden die Fragen, ob er einen Nutzen hat in dieser Welt, einen Sinn oder gar einen Zweck. Diese Fragen, die ihn noch vor weniger Zeit getrieben haben, gepeinigt haben. Jetzt denkt er Nichts mehr. Ist einfach nur noch in sich ruhender Körper, ohne Gewicht, ohne Not.

Schwerelos.

Es tut dem Mann gut, nicht mehr irdische Masse sein zu müssen, gebunden an all das Elend dieser Welt. Er floatet irgendwo im Raum. Seine Depression ist abgetreten, war einfach irgendwann weg, seine Traurigkeit ebenso irgendwo verloren.

Nichts denken müssen, denkt der Mann. Schweben dürfen. Einfach sein dürfen.

Er fühlt sich warm, behütet, ist losgelassen von allen Sorgen seiner Welt. Er steigt nicht, er sinkt nicht. Er ist einfach.

Wird ihm dieses Glück dauern?, fragt sich der Mann.

Ja, das wird es, denn der Mann hat vorgesorgt. Weise vorausschauend hat er ein Drei-Stunden-Ticket gelöst für das Wellnessbad mit seiner neuen Attraktion, dem Rotes-Meer-Becken.

3 Stunden kosteten 38 Euro.

Dem Mann bleiben noch 26 Minuten Glück.






























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Unter Wasser leben


Der Mann hat sich ausgeklinkt. Er ist müde, erschöpft und melancholischer als je. Keine Energie für nichts mehr. Nicht für heute, nicht für morgen.
Er sitzt in der Küche auf einem Stuhl, in den er gefallen war nach all der schweren Arbeit. Er denkt nichts, sieht nichts, ein toter Frosch auf einem Stein. Die Augen schauen blass ins Nichts.
Zwei Stunden und viele Minuten dauert es, bis er sich wieder spürt, sich wieder bewegen kann. Er steht in Zeitlupe auf, bringt seinen traurigen Körper nur mit Mühe auf die Beine, ein Nilpferd auf dem Trockenen.
Der Mann schiebt sich auf den Balkon. Dort findet er ein Stückchen Platz für sich und seine Seele. Er streckt alle Glieder von sich, wie ein Seestern.

Ein Seesterlein.

Unter Wasser fühlt der Mann sich leicht. Einfach sein dürfen. Einfach alles fliessen lassen können. Einfach sein im Moment. Was braucht es mehr?

Der Mann denkt nach.

Vielleicht Glück, Liebe, Hoffnung, Zuneigung, Zärtlichkeit, Gemeinsamkeit?
 
Ein Moment Gelassenheit? 






















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Von den wichtigen Dingen

Der Mann sitzt in seiner Wohnung und schaut sich um. Er sieht eine völlig zugestellte Wohnung. Viel zu viele Dinge haben sich angehäuft in den letzten Jahren.
Zwar besitzt er nur wenig Möbel, aber trotzdem ist seine Wohnung überfüllt. Schränke und Gestelle und Kisten drängen in den Raum, machen die kleine Wohnung noch enger. Oben tragen die überquellenden Büchergestelle alle Hauben aus kleinen Büchsen, übergrossen Büchern, Boxen mit irgendwas und jeglichem Krimskrams. Auch an den Seiten der Schränke wuchert mehr oder weniger wichtiges Material. Pantoffeln, kaputte Klappstühle, Elektroschrott, Stapel von Altpapier, alte Schachteln, neue Kartons.
Der Arbeitstisch ist übersät mit Manuskripten, Zeichnungen, Stiften, unzähligen Kabeln. Kabeln hin zur Lampe, Verbindungsstränge vom Drucker zum Computer, vom Scanner, der Kamera.
Socken liegen auch herum. Die von gestern liegen neben dem Sofa, die von vorgestern unter dem Bistrotisch.
Der Mann weiss, er müsste endlich Klar Schiff machen. Müsste aufräumen und alte Dinge wegwerfen. Sich von längst Vergangenem endlich trennen.
Der Mann ist sich bewusst, dass das viel Arbeit sein wird. Heute will er damit nicht mehr beginnen.

Er geht zu Bett.

Im Schlafzimmer steht das einzige Möbelstück, das er akribisch frei von Dingen hält. Sein Doppelbett. Es steht gross und mächtig im Schlafzimmer und ist doch praktisch leer. Nur ein kleines weisses Kissen liegt auf dem blauen Bettzeug. Ein Schiffchen im grossen Meer.
In dieses Bett versinkt der Mann, wenn ihm die Welt der Dinge zu viel ist. Er schiebt sich in die Fläche wie ein Schwimmer in die spiegelglatte See.
Dann schwebt er und schläft ein und füllt das Bett mit seinen unendlichen Träumen.

So vielen Dingen.

So viel vergangner Zeit.




























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Das Leben ist gut mit Anna Rossinelli

Der Mann hat sich ins Leben zurückgekämpft, mit Medikamenten, mit Yoga, mit zu sich selber schauen.

Irgendwie.

„Du siehst besser aus“, sagt ihm ein Freund.
„Wirklich?“. Der Mann bleibt skeptisch.
„Ja, schon. Das letzte Mal sahst du wirklich schlecht aus.“
Da ging es mir auch wirklich mies, geht es dem Mann durch den Kopf. Ich war am Boden zerstört, meine Nerven waren zerrissen.
„Jetzt siehst du besser aus.“
Besser?, fragt sich der Mann. Besser als das letzte Mal, durchaus. Aber das heisst nicht, dass es ihm gut geht. Wenn man am Boden zerschmettert liegt, kann es eh nur aufwärts gehen. Unser Mann antwortet daher seinem Freund: „Es geht mir momentan leicht besser, in der Tat. Aber ich bin noch nicht über den Berg.
„Wer ist das jemals?“
„Ich glaube, dass es viele Leute gibt, denen es gut geht.“
„Das scheint oft nur so. Unser Leben gleicht der Reise eines Wandrers in der Nacht. Jeder hat in seinem Gleise, etwas, was ihm Kummer macht.“
„Das kenne ich“, macht der Mann die Augen auf, „das ist das Beresina-Lied. Das Lied der alten Schweizer.“
Der Freund des Mannes schmunzelt und beginnt das melancholische Lied leise zu singen. „Un … ser … Leheben … gleicht … der … Reheise…
Der Mann summt mit. Ja. Das Leben kann schwer sein, besonders als Schweizer Söldner im Russlandfeldzug von Napoléon. Schwere Rückzugsgefechte in tiefstem Winter. Eine letzte Verteidigungslinie an der Beresina. Die Schweizer bauten eine Notbrücke im eisigen Fluss.
„Die armen Schweine“, sagt der Mann. „Ersoffen im eisigen Wasser. Und wer zurückblieb, erfror oder wurde erschossen.
„Nur drei Prozent kamen zurück.“
„Ja, ich weiss, was du meinst.“ Der Mann nickt. „Glück ist immer relativ.“
„Und vergänglich.“
Der Mann stimmt zu.
Dann geht ihm eine andere Melodie durch den Kopf. Eine moderne Melodie. Es ist das Lied von Anna Rossinelli, das sie am Eurovision Song Contest gesungen hatte. Eine fröhliche Melodie.

Life is good …


… for a while. 
























copyright by Anna Rossinelli (www.annarossinellimusic.com)



 

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Schlafen oder Schreiben?


Der Mann liegt erschöpft im Bett, aber der Schlaf will nicht kommen. Es ist weit nach Mitternacht. Yogaübungen hat er schon gemacht, ein halbes Melatonin schon geschluckt. Doch die schwarze Decke, die ihn sonst immer stärker einhüllt, bleibt fern.
„Bleib nur ruhig. Irgendwann schläfst du ein“, spricht er zu sich ohne Worte.
„Ja, ich lass es einfach sein“, antwortet er sich selbst.
„Nur ruhig.“
„Ja.“
Er atmet langsam aus. „Ruuhhiiiig.“

Zehn Minuten später dreht er sich wieder. Vielleicht gelingt es auf dieser Seite. „Ruuhhiiiig“, murmelt er.
Dann. „Ah, verdammt“. Er dreht sich wieder. „Ich bin nicht ruhig“, stellt er ernüchtert fest
„Das bist du wirklich nicht.“
„Ich bin erschöpft, müde, krank.“
„Kaputt!“
„Trotzdem. Morgen muss ich funktionieren.“
„Dringend.“
„Mehr als dringend. Ich muss schaffen, schaffen. Den Auftrag, den ich morgen unbedingt machen muss, hab ich viel zu lange vor mir hergeschoben.“
„Ja, aber du warst krank.“
„Krank?“
„Ja, völlig erschöpft. Hast du den Nervenzusammenbruch schon vergessen?“
„Nein, aber morgen muss ich schaffen.“
„Daher musst du jetzt endlich schlafen. Unbedingt.“
„Damit ich schaffen und Geld verdienen kann.“
„Ja, schaffen, Geld reinholen, überleben.“
„Ohne Geld bin ich bald tot.“
„Geld reinholen.“
„Um zu überleben.“
"Geld, Geld, Geld."
"Geld, Geld, Geld."

Der Mann ruckt auf.

Das wäre eine schöne Geschichte, denkt er. Ein Mann, der dringend arbeiten muss um zu leben, aber was tut er. Er denkt nur an seine Kunst, an seine Geschichten. Er schreibt und schreibt und schreibt und verreckt dabei. Was soll der Mann also tun?

Schlafen oder Schreiben?


Was hätte Bukowski wohl getan?




















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Männerkörper


Der Mann kennt seinen Körper gut. Er versteht seine Mitteilungen, die Hinweise auf Stress und Überanstrengung.
Kürzlich war es wieder so weit. Aus dem Nichts heraus zitterten dem Mann die Hände. Das war der Auslöser genauer hinzuhorchen, was ihm sein Körper schon seit langem zu sagen versucht. Wahrzunehmen, was Grosses, Schweres sich hinter dem Nichts versteckt.  Es ist:

Zu wenig Schlaf.

Zu viel Sorgen.

Zu viel unerlöstes Leben.

Also wusste der Mann, dass er dringend einen Zacken zurückschrauben musste. Den Gang seines Alltags bremsen, gelassener werden, und weniger zweifeln, und einfach mal geschehen lassen. 

Sich weniger sorgen. 

Und akzeptieren, dass man nicht alles kontrollieren kann.
Es dauerte nur wenige Tage, nun ist ihm wieder wohl. Die Sorgen scheinen wie weggeblasen, die Stimmung aufgehellt, als wäre zäher Winternebel von der hohen Sonne weggefressen worden.
Wenn der Mann jetzt auf seinen Körper hört, spürt er wieder Kraft und Freude. Manchmal ertappt er sich sogar, wie er lächelt ob der Welt oder sogar ein kleines Liedchen pfeift.
Wie wunderbar gut dieses neue Medikament doch wirkt, denkt der Mann. Und wie schnell es angeschlagen hat.

Remotiv 800 mg.

Pro Tag.
























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Mann küsst Frau

Der Mann küsst eine Frau. Seine Frau. Diese eine ganz bestimmte Frau, die er liebt, ewig lieben wird.
Der Kuss ist zärtlich, kommt fast zögernd, zaghaft. Es ist eine leise Annäherung zweier Menschen im Kuss, wie eine Welle die von weit her kommt. Sie baut sich auf noch weit vor dem Strand, wächst unaufhaltsam, wird drohend, mächtig, überschlägt sich schäumend.
Der Mann spürt den Kuss als völlige Hingabe an das andere, die andere, an die eine Frau, für die er ewig da ist.
Es dauert nur einen Moment, dann schiesst die Welle weiter vorwärts, läuft auf den Strand, in der Kraft bereits gebrochen.
Dann ist sie ausgelaufen, steht zögernd still für einen Moment und zieht sich schon zurück, auch zögerlich zuerst. Doch unbeirrt und unaufhaltsam rutscht sie weg, vermischt sich wieder mit diesem weiten dunklen Meer.

Es ist vorbei.

Der Mann steht am Bahnhof Basel SBB und berührt seine Lippen. Der Kuss, die Welle hatte ihn überrascht. Sie war gekommen - einfach so. Noch bevor er sie festhalten konnte, ist die Erinnerung schon vorbei, wie es war, als er mit der Liebe seines Lebens zusammen war. Nun, viele Jahre später, mehr, als er je mit ihr zusammen war, sind es nur noch splittrige Erinnerung an eine verflossene Liebe. Sie überfallen ihn.

Manchmal.

Einfach so.
















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Mann küsst Mann

Der Mann küsst einen Mann. Es ist erregend, zärtlich, freundschaftlich, feierlich und einfach schön.
Schön ist es, weil es einzigartig ist. Der Mann tut das zum ersten Mal. Immer wieder hatte er gesehen, wie Männer sich küssten, aber nun tut er es selbst. Er hat gehofft, dass es ihm gefallen wird, doch nun ist er überrascht.
Überrascht ist er von seinen warmherzigen Gefühlen, aber auch von den Bartstoppeln, als er den Mann umarmt und ihn eigentlich nur drücken will. Sie kratzen seine feine gepflegte Wange wie die erbärmlichen Überreste einer über Jahrhunderte abgeschliffenen Metallbürste. Da nützt alle Biotherm Homme Extra Hydratante und Gucci Skin Control nichts mehr.
Aber es ist nicht vorbei für den Mann. Der Andere hat vielleicht den zarten Hauch seines Versace Eau-de-Toilettes wahrgenommen und will mehr - mehr! Er zieht den überraschten Mann von seiner Backe weg und zu sich hin und drückt ihm seine feuchten Lippen auf den Mund.
Der Mann, der zum ersten Mal einen Mann küsst, reisst die Augen auf und sieht in die Augen des anderen. Gross sind sie und freundschaftlich und freudig, die Pupillen hinter zartem Schimmer fast schon schwarz. Es ist, als würde eine abgestorbene Sonne am Horizont versinken.
Der Andere stösst den Überraschten ab und lacht und sagt etwas und es ist kratzendes Kauderwelsch und kaum zu verstehen aber irgendwann kommt ein „Kakosi“ über die Lippen des Urgroßvaters aus Serbien, der den Mann begrüßt hat, wie er alle Gäste begrüßt in seiner Stube, dort hinten in Südserbien, wenn Gäste kommen und er sie immer fragt: „Wie geht es dir?“


Miodrag.


90 Jahre.


Kommunist.


















 
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Anleitung zum sinnvollen Leben

Der Mann ist vollends k.o. Er ist erschöpft, depressiv, geknickt, kraftlos und hoffnungslos. Er kämpft einen sinnlosen Kampf.
Sinnlos ist der Kampf, weil der Mann keinen Sinn mehr sieht. So viel zu schaffen, so viel zu machen und so wenig Zeit und Geld und Kraft.

Eine kleine Hoffnung bleibt.

Dass alles plötzlich gut ist - oder vorbei. Beides ist gleich unwahrscheinlich. 
Der Mann spielt kein Lotto für Geld und er spielt auch kein Lotto mit seinem Leben, um einen schnellen Kick zu erhalten. Er will einfach nur leben und schaffen und gestalten und Sich-auch-einmal-freuen-können.

Was tun?

Weiterleben. Die Gedanken an das unverhoffte Glück ausleben, ohne daran zu verzweifeln. Die Gedanken an das alles Erlösende Sich-einfach-vor-den-Zug-legen zur Seite schieben, aktiv bekämpfen mit einem Spaziergang, einem Getränk auf der sonnigen Terrasse, einem Blick an den Horizont, einem grossen Croissant am Morgen, einem Die-Augen-zumachen-und-für-einmal-einfach-sein.

Einfach einmal leben.

Einfach.



Einmal.
























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Anleitung zum Glücklichsein II

Der Mann hat sich ein paar Gedanken gemacht über das Glück. Er hat mit einigen Leuten geredet, hat gehört, was sie meinen und nochmals nachgedacht darüber, was Glück ist und wie man es findet. Nun setzt er sich hin und schreibt sein Wissen auf.

Freunde.

Sinn.

Viel mehr bleibt nicht zu schreiben. Das ist alles an Tipps, was im Gesamten übrig bleibt. Nicht Geld, nicht Sex, nicht der Lottosechser bringen echtes Glück - auch nicht der mit Zusatzzahl. Der grosse Wagen ist es schon gar nicht. Morgen schon hat der blöde Nachbar einen grösseren. Und es sind auch nicht die eigenen Kinder. Die werden gross und vergessen einen. Häuser werden alt und gebrechlich. Beförderungen sind morgen schon vergessen. Ganz andere Dinge zählen.

Viele Freunde haben.

Sinn finden in dem, was man macht.

Vielleicht auch, zufrieden sein mit dem, was man hat.

Und Glück.

Glück macht glücklich.



Vielleicht.


















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Glück am Stück

Der Mann findet Glück höchstens in winzigen Momentsplittern. Meist kommt es wie eine Welle, dauert nur sekundenweise. Nach langem Tag, nach harter Arbeit, ein kurzer Moment von Einhalt, von Loslassen können, von Nichts-Tun-Müssen-Nur-Sein-Dürfen-Und-Alles-Vergessen-Haben. Dann ist der Moment wieder weg, ist der Mann wieder in der Welt, wie sie ist und wie sie nicht schön ist.

Heute ist alles anders.

Es ist Sonntag und der Mann ist aus dem Schwarz der Nacht aufgetaucht. Helle Sonnenstrahlen weckten ihn, vielleicht auch die Wärme, die deutlich grösser ist als normal. Sein Hemd war leicht verschwitzt, die Bettdecke unangenehm heiss. Sogleich stand er auf, rieb sich die verkrusteten Krümel aus den Augen, öffnete die Rolläden.

Sommersonne. Zum ersten Mal.

Der Mann ist erstaunt, wie wach er ist. Kein Kopfweh, kein Fluchtgedanke vor dieser Welt.

Frühstück!

Wieder mal ein richtiges Frühstück machen. Nicht nur schwarzen Kaffee trinken um das Blei von den Augen ab zu lösen, sondern Kaffee und zwei Stücke Brot und ein wenig Schinken herrichten. Und ein Spiegelei!
Das richtet der Mann her und fühlt sich wohl. Freut sich über sein Frühstück, das er auf seinen kleinen Mikrobalkon auf die Strassenseite trägt. Dort lässt er sich nieder.

Er ist glücklich.

7 Minuten.

Soviel Glück findet er manchmal am Abend vor dem Einschlafen.

7 Minuten.

Soviel Ruhe findet er in seinen 15-Minuten-Kaffeepausen bei der Fliessbandarbeit, wenn er sich ein wenig beruhigt hat, endlich einen Moment abschalten kann und der Gedanke ihn noch nicht erschlagen hat, dass es gleich wieder los geht mit dem Horror.

Und jetzt.

Er sitzt auf dem Balkon und weiss, dass er endlich mal Glück an einem ganzen langen Stück geniessen wird. Eine halbe Stunde bei sich sein dürfen. Wahrscheinlich mehr. So lange, dass man alle Zeit und alle Welt vergisst. Sein dürfen. Einfach in aller Ruhe auf seinem Balkon sitzen dürfen. Das Brot kauen, den Kaffee, das mit Mallorca-Salz gesprenkelte Spiegelei geniessen.

Harmonie erleben.

Ruhe geniessen.

Ruhe.

Noch bevor der Mann sich in den Stuhl gesetzt hat, geht ein Riesengeschrei los. Kinder aus der Nachbarschaft kommen um die Ecke geschossen, legen sogleich los mit ihrem Spiel, jagen dem Ball nach mit Geheul. Sie Kreischen. Schreien.

Glückliche Kinder.

Trauriger Mann.

Er trägt sein Frühstück in die Wohnung zurück, schliesst die Fenster.


  




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Mit Geschichten Geld verdienen


Der Mann schreibt eine irrsinnig schöne Geschichte. Sie handelt vom Leben an sich und dem einzigartigen Moment des Glücklichseins.
Die Geschichte fliesst nahtlos aus seinen Fingern in die Tastatur seines kleinen Subnotebooks.
Der Mann liest den Text nochmals von Anfang an, verbessert, muss nur wenig korrigieren. Nur einzelne Buchstaben fallen noch aus seinen Händen, wie Vanilleglacé im Sommer von einer Kinderhand tropft.

Die Geschichte ist.

Einfach.

Klar.

Dann liest er sie sich laut vor. Nur wenige Male stolpert die Stimme des Mannes, weil einzelne Brocken doch geglättet werden müssen. Aber zugleich spürt er, welche Kraft der Text, die Geschichte hat. Der Mann ist selbst überrascht, wie harmonisch sie ist - und doch überraschend und brillant und zärtlich auch.

Dann den Text nochmals ganz lesen. Ein letztes Mal. Alles macht Sinn, ist stimmig, das letzte Komma gesetzt. Der Mann könnte glücklich sein.

Kann er aber nicht.

Er schaut auf die Uhr. Eine Stunde und neununddreissig Minuten.

Ganze neunundneunzig Minuten. Für eine einzige Geschichte.

Sein Chef wird ihn zusammenscheissen.




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Anleitung zum Glücklich Sein


Der Mann hat kurze Hosen an, den Oberkörper frei, die Haare nass. Nass und kühl vom kalten Wasser, das er über sein Haupt geleert hat - und das schon wieder warm ist, weil die Sonne brennt und der Sommer da ist.
Der Mann hat geschuftet. Er hat den ganzen Balkon seiner Wohnung aufgeräumt, allen Unrat vor das Haus geschafft. Weil er allein war, kosteten ihn das Schleppen des sperrigen alten Tischs und die von Raben aufgepickten Sessel einiges an Mühe. Schlimmer noch waren die alten Steinplatten auf dem Balkon, alle verwittert, bemoost, herausfordernd dreckig. Die hat er geschrubbt, bis der Schweiss in fetten Tropfen von der Stirn in den Schaum des Putzmittels fiel.
Die Platten trockneten rasch. Die Sonne hatte sie schon aufgeheizt gehabt seit dem frühen Morgen. Der Mann ging derweil in den Keller, mühte Riesenpakete herauf mit zwei neuen Stühlen und einem blütenweissen Gartentisch. Die hatte er im Schlussverkauf des letzten Jahres gekauft.

„Jetzt zugreifen!“

„Nochmals minus 40%!“

Der Mann hatte die neuen Teile ausgepackt, sie aufgebaut und eingerichtet, noch rasch die Verpackung verschnürt und zu den alten Sachen vor das Haus gestellt, dann den überhitzten Kopf unter Wasser gehalten, das Haupt geschüttelt und die Haare zurecht gestrichen. 

Auf ein Mal.

Auf ein Mal wissen, dass es gleich soweit sein wird. Im ganzen Wesen spüren, wie man sich gleich fallen lassen wird in einen neuen Stuhl. Einfach glücklich sein, weil man umfassend weiss, wie es sein wird, die Füsse hoch auf den Tisch gelegt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Die Augen zu.

Die Seele?

Die Seele baumelnd.





















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Alte Liebe rostet nicht

Der Mann hat seine alte Freundin geliebt. Natürlich. Natürlich hat er das. Ja, er hat sie geliebt.

Natürlich!

Nun sitzt sie ihm eine Reihe weiter und schräg gegenüber im Zug. Sie liest irgendwas, hat den Kopf gesenkt, sieht ihn nicht.
Er hat sie auch nicht gesehen während der halben Reise. Er war in den Sitz gefallen, hatte bald die Augen zugemacht. Hatte nichts gedacht, nur geschaut wie die Gedanken und Worte und Bilder vorbeifliegen wie lose Blätter im Sturm.

Loslassen dürfen. Nichts denken müssen. Alles geht voran.

Irgendwann hatte er aufgeschaut und sie sass da.
Eigentlich dort.
Hatte sie ihn bemerkt? Sicher. Wahrscheinlich hatte  sie ihn bemerkt, ebenso wie er sie, irgendwann hatte sie wohl aufgeschaut gehabt, die Leute rings umher wahrgenommen. Kurz und bündig. Dann wieder ins Buch geschaut.

Der Mann schaut nicht mehr hin. Ihre Blicke werden sich nicht mehr kreuzen. Wozu auch? Die Liebe ist kaputt seit acht Jahren.
Ja, heiss war sie zu Beginn gewesen. Stark, ewig. Dann kühlte sie doch ab wie die Brennstäbe in Fukushima. Explosionen hatte es auch gegeben. Zu retten gab es nichts. Alles war kaputt.
Schliesslich kam der Sarkophag darüber.





















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Tipps für Schriftsteller

Der Mann liest Bukowski. Er liebt seine Gedichte, eigentliche Kurzgeschichten. Jede so gut wie fast nichts auf der Welt.
Diese Geschichten haben den Mann inspiriert. Er hat selbst welche geschrieben. Die zählt er nun. Er ist stolz auf sie.
Es sind bereits viele Geschichten, die er aufgeschrieben hat. Sie handeln von Glück und Unglück und Einsamkeit und Melancholie und nochmals von Glück.
Eins zwei drei vier … zählt der Mann seine Werke und findet es beachtlich, was er geleistet hat.

Zu beachten!

Neunundfünfzig sechzig einundsechzig… dass es so viele sind, hätte er nicht gedacht.
Dann ist die Liste fertig.

76.

Sechsundsiebzig Geschichten. Und die meisten funktionieren. Na gut. Vielleicht 50 könnte man drucken. Die anderen sind zu düster, zu schwer. Wer würde das schon lesen wollen? Fünfzig kurze Geschichtlein. Ob diese Menge für ein Buch reicht?
Der Mann nimmt eines der dünneren Bücher von Bukowski zur Hand. 239 Seiten voller Gedichte. Nur ganz wenige gehen über zwei Seiten. Mehr als zwei Hundert Gedichte also nur für ein dünnes Bändlein.
Noch dreimal soviel schreiben, als der Mann schon investiert hat. Noch drei Mal so viel erleben - erleiden! - als bisher.

So viel.

Hat Bukowski daher so viel getrunken?

So viel.

Gesoffen.


















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Wie man glücklich wird

Der Mann hat einen Flash. Er fühlt sich glücklich. Warum? Wie konnte das geschehen?
Es begann am frühen Morgen. Der Mann musste raus, hatte keine Wahl. Musste arbeiten gehen für 12 Stunden. Nur zwei Kaffeepausen und eine kurze Pause über Mittag. Die nahm er kaum als entspannend war, wurde sich seiner bleiernen Müdigkeit nur umso deutlicher bewusst. Schlimm das Weiterarbeiten nach dem Unterbruch. Als würde man erneut aus tiefem Schlaf herausgerissen, wäre noch nicht in dieser Welt und müsste doch schon um sein ganzes Leben kämpfen. Glück war das keines. Es war Unglück.
Auch der Abend brachte noch keine guten Gefühle. Es galt aufzuholen, was man an Leben verpasst hatte. Das war nicht einfach. Liebe kann man nicht erzwingen. Weil der Mann es trotzdem versucht hatte, bekam er nur Stress und Ärger und Abweisung und Kälte.
Dann standen die Zeiger auf der Uhr plötzlich aufrecht wie stramme Soldaten. Die Erkenntnis, dass der Tag vorbei war, ein Gewehrschuss mitten ins Herz. Es gab nichts mehr zu hoffen.

Unglück.

 Und der Glücksflash? Der kam, als der Mann sich entkleidet hatte, das Bettzeug aufgeschüttelt war und er das Pyjama übergestreift hatte. Da bekam er einen Flash.
„Ich werde mich gleich ins Bett fallen lassen“, hatte er gedacht. „Es ist wohlig und weich.“

Genau da war er glücklich.

Für diesen einen Moment.










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Bücher gern haben

Der Mann hat viele Geschichten gelesen, grosse wie kleine. Er kennt Moby Dick und Les Misérables und Ulysses und Krieg und Frieden. Er liebt Dostojewski und Saint Exupéry. Er liebt auch Gert Ledig und Jonathan Littell. Die kennen wenige.
Einen anderen Lieblingsschriftsteller von ihm wiederum kennen viele. Charles Bukowski. Der Poet aus L.A. Der dreckige alte Säufer und genialer Geschichtenerzähler. Er hat ihn wiederentdeckt im letzten Jahr. Hat alle Bücher erneut gekauft, weil die alten längst verfleddert waren, vergilbt, jedes einzelne sowieso verloren bei allen Umzügen seit seiner Studentenzeit.
Jetzt türmen sich die neuen Bukowskis im großen Gestell obenauf. Eines der vielen Gestelle in seiner Bude, die von neuen und alten und guten und schlechten Büchern überfüllt sind.
Claude Simon. Jardin des Plantes.
Roger Smith. Blutiges Erwachen.
Alex Patakos. Gefangene unserer Gedanken.
Airen. Strobo.
Sie liegen im Gestell wie Scheite in einem gut gestapelten Holzhaufen.
Manchmal fällt die Masse ein wenig in sich ein, wenn er ein ganz bestimmtes Buch aus dem Stapel zieht um einen Blick hinein zu werfen, vielleicht sich wieder packen zu lassen. Dann rutscht der Berg, sucht sich neuen Platz und drückt noch härter auf die untersten Bücher.

Dort sind alte Bücher. 

Gepresstes Papier.

Totes Holz.


Blue Man Group, New York City, 1994


















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