Ein gutes Leben

Der Mann sagt: „Ich lebe eigentlich nicht schlecht mit meinem gebrochenen Herzen.“
„Nicht schlecht? Was meinst du genau damit?“, fragt ihn sein Freund.
Also muss der Mann seine Gefühle präzisieren. Er macht das akkurat und erklärt: „Also, mein Herz ist gebrochen.“
„Ja.“
„Seit mehr als sieben Jahren.“
„Das habe ich vermutet“, knickt sein Freund seinen Oberkörper ab. „Du bist nie über Chantal hinweg gekommen.“
„Eben. Ein gebrochenes Herz.“
„Aber du lebst jetzt endlich wieder richtig gut“, stellt der Freund fest.
„Nein, nein. Das gerade nicht. Ich lebe nicht gut.“
„Also lebst du schlecht?“
Der Mann schüttelt den Kopf. „Ich lebe nicht schlecht.“
„Also doch gut.“
„Nein, hör zu. Ich lebe mit einem gebrochenen Herzen. Das ist nicht gut, aber heute …“
„... nach sieben Jahren …“
„... nach diesen sieben langen Jahren …“
Der Andere nickt mit zusammengepressten Lippen.
„… da lebe ich eigentlich nicht schlecht mit diesem Herzen. Ich habe mich daran gewöhnt. Das Ding funktioniert, hält mich am Leben.“
„Immerhin. Das ist doch was.“
„Ja. Ein Kunstherz könnte es nicht besser tun.“
„Du lebst.“
„Tatsächlich“, sagt der Mann und denkt: Ich bin am Leben. Mein Herz ist tot und pumpt doch. Die Schmerzen sind ewig da, jedoch irgendwie erträglich. Ich stehe auf, mache irgendetwas, gehe wieder schlafen und dann von vorn. „Ich lebe, immerhin!“
„Du lebst noch.“
„Eigentlich nicht schlecht“, sagt der Mann und bestellt noch einen Espresso.



Staten Island Ferry, NYC, 1993


























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