Der alte Mann und die See

Der Mann ist krank geworden. Sein Blickfeld ist verengt. Der Kopf schmerzt. Die Achselhöhlen stechen ungehörig - die Lymphdrüsen. Hohes Fieber scheint der Mann keines zu haben, seine Hand an der Stirne bleibt warm.
     Zu sich schauen, sich um sich sorgen, konnte er noch nicht. Er musste einen langen Tag arbeiten, konnte nicht flüchten, musste mit Leuten sitzen, reden, nachdenken, reden, streiten und immer wieder alles von vorne.
     Jetzt ist er endlich zu Hause, doch er ist nicht Herr seiner selbst. Die Krankheit hält ihn gefangen wie eine durchnässte Burka.
     Der Mann funktioniert nur noch wie ein Automat. Ein Prétuval und zwei Aspirin nehmen und dann ins Bett.

     Liegen.

Liegen und sich nicht bewegen. Sich nicht bewegen, tot sein dürfen und nichts denken wollen, vielleicht kommt ja der Schlaf.

Der Schlaf kommt nicht.

In seinem Kopf läuft die Arbeit weiter. Er hört sich selber reden. In forderndem Englisch.
     Das Kopfweh ist noch immer da, aber das Pochen ist zurückgegangen. Die fette Ratte, die in seinem Schädel gefangen ist und rasend an die Wände schlug, scheint endlich aufzugeben.
     Soll er sich drehen?, fragt sich der Mann. Er hat Angst davor. Die Gelenke könnten nur mehr schmerzen.
     „I lived my life eternally“, geht es dem Mann plötzlich durch den Kopf.
     „I lived my life eternally”, wiederholt sich der Satz.
     Der Mann spricht ihn in rhythmischem Sing Sang und wiegt sich dabei in einen unbewussten Vorschlaf.
     “I Lived. My Life. Eternally.“
     Die ruhigen Worte sind wie sanfte Wellen, die den Mann ans andere Ufer führen. Was sie bedeuten, weiss er nicht. Der Sinn des Satzes ist unergründlich wie die See.

See.



Statue of Liberty, von World Trade Center aus gesehen. 1993




















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