Asche zu Asche

Der Mann faltet die Hände zum Gebet. Er hat es schon lange nicht mehr getan. Wann war die letzte Beerdigung?
Die Predigerin spricht das Gebet vor. Es ist irgendein selbst verfasster Text dieser fremden Frau. Der Mann hört genau hin. Barmherzigkeit.
Die Geschichte, welche die Frau erzählt, kommt von irgendwo. Unberührt versucht der Mann den Sinn des Gemurmels zu verstehen. Es gelingt ihm kaum.

Trost.

Güte.

Das Gebet ist der Frau ist modern, aber irgendwo ansatzlos verfasst. Für den Mann hat wenig davon Wert. Dein Stab und Stecken.
Sowieso. Der Mann ist kaum gerührt von der Beerdigung. Die Asche in der Urne ist ein entfernter Verwandter nur.

Grüne Auen.

Nicht einmal der Lebenslauf wird vorgelesen, ärgert sich der Mann. Wie soll er da wissen, was der Verblichene in seinem Leben vollbracht hat, ob er überhaupt gelebt hat. Jerusalem. Wir nehmen das Singbuch.
Die Orgel zögert und stolpert doch keuchend in die Abdankungshalle. Fast keiner getraut sich einzustimmen. Ein paar ältere Frauen wagen es wie immer. Die Melodie ist holprig, fern, als stamme das Lied aus einem kargen Dorf in Süd-Taiwan.
Dann redet die Predigerin wieder. Verzeihen, sagt sie. Schuld vergeben.
 „Und Ewigkeit“, denkt der Mann.
Die Predigerin sagt: „Ewigkeit“. Dann nimmt sie nochmals Anlauf.
„Achtung, jetzt kommt's“, weiss der Mann und ein Mundwinkel zieht vehement zum Ausgang.
Vorne am Pult breitet die Frau ihre Arme weit aus.

 Gott.

„Amen“, summiert der Mann, aber es kommt noch nicht. Erst muss nochmals gebetet werden.
Der Mann steht mit den Anderen auf. Er faltet die Hände zum Gebet. Sie sind kalt.

Dezember.

Eisiger Nordwind.

Unbeheizte Halle.









New York City, Wintersturmschäden, 1993

 
















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Kommentare:

  1. Vielen Dank für den Hinweis auf "Asche zu Asche" auf meinem Predigtblog (http://predigtblog.blogspot.com/). Da kann ich vieles wieder entdecken. Übrigens: "Einmalsinnundzurueck" ist ein toller Name.

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  2. Danke für das Lob. Predigen ist ein ganz schwerer Job. Es muss berühren, sollte nie kitschig werden, muss individuell ansprechen und zugleich viele Leute meinen. Ein Blog mit kleinen Geschichten über Melancholie ist da einfacher...

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  3. habe grad deinen Blog entdeckt. sehr schöne Texte! :)

    http://fullmoonsblog.blogspot.com/

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  4. Ja, diese Geschichten gefallen mir.

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  5. Danke für dein Lob, Verena. Bitte vernetzte dich doch auch mit dem Blog und berichte darüber. Merci beaucoup. Sternlein.

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