Der nette Dalai Lama


Der Mann denkt nach. Krude Gedanken schwirren ihm durch den Kopf. Mit Mühe kann er sie festhalten. Er denkt:
Wir haben eine Leitkultur.
Die Leitkultur sagt, dass jeder machen darf, wozu er Lust hat.
Also macht jeder, wozu er grad Lust hat.
Das hat dazugeführt, dass jeder nimmt, was er will. Die Leute sind schamlos geworden, haben wenig Respekt gegenüber dem Anderen und alle bedrängen sich mehr und mehr.
Das wiederum führt dazu, dass es Streit gibt.
Bei Streit setzt sich meist der Freche, der Brutale durch.
Das führt dazu, dass es keine Solidarität miteinander mehr gibt. Es zählen nicht mehr der Mitmensch und das Glück von allen. Es zählt nur, dass man selbst gewinnt.
Also braucht man immer mehr Geld um sich abgrenzen zu können, von den anderen, die einen bedrängen.
„Wer glaubt, dass es im Leben nur darum geht, so viel Geld wie möglich zu verdienen, irrt“, sagt der Dalai Lama.
„Ja, da hast du Recht“, sagt der Mann.

Dann denkt er weiter nach.

„Wer bist du denn, mein lieber Dalai Lama? Schau dich doch einmal an. Wo musst du leben?“
„Ich lebe im Exil.“
„Eben, im Exil lebst du und was ist mit deiner Heimat, demTibet?“
Der Mann wartet die Antwort nicht ab. „Deine Heimat ist besetzt von Han-Chinesen. Sie übervölkern das kleine Tibet. Bald ist es ganz vorbei mit deiner Kultur. Du wirst sie niemals wieder sehen.
„Ja. Das ist schlimm.“
Der Mann hört kaum hin, redet weiter. „Deine Leute werden herumgeschubst oder gleich vergewaltigt. Du bist ja lebendiger Beweis für das, was ich sage.“
„Ganz so einfach ist es nicht“, entgegnet der Dalai Lama weise. „Wenn Menschen aufmerksam …“
„Doch, es ist genau so, wie ich sage“, unterbricht der Mann. “Du bist nett und lieb und wirst brutal zur Seite geschoben.“
„Meiner Meinung nach…“
„Ach, hör doch auf!“ winkt der Mann verächtlich ab. „Du hast mir nichts zu sagen.“ Knirschend zieht er den Mund schräg. Sein Maul sieht aus wie eine offene Wunde.



Chinatown New York City, 1993




































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Kommentare:

  1. Bin zufällig gelandet
    auf deinem Blog
    der interessanten Geschichten
    mit Sinn
    und Melancholie.

    Herzliche Grüße zum neuen Jahr schicke ich dir
    Gabriele

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  2. Danke für deinen netten Kommentar. Hoffe auf viele weitere Starts und Landungen.

    liebe Grüsse
    Sternlein

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