Gewonnener Tag

Der Mann empfindet einen schönen Tag. Einen ruhigen entspannten herzlichen freudigen Tag.
Es ist kühl geworden. Die Welt, noch frühlingsfiebrig gestern, dreht sich wieder langsam. Ruhe ist wieder gekommen. Die Vögel zwitschern nicht mehr.
Vielleicht sind die Vögel wegen der Kälte in den Büschen geblieben, denkt sich der Mann. Haben sich verkrochen in nadliges enges Gesträuch, wo die Katze nicht hinkommt. Bewegen sich nicht, so dass kein Zweiglein zittert und sie nichts verrät.
Vielleicht atmen sie gar nicht mehr, stellen sind tot?

Sind sie tot?

Der Mann horcht hin. Er hört nichts. Keinerlei Gezwitscher. Keinerlei Geräusch. Er entspannt die Nackenmuskeln wieder, zerfliesst wieder, die Fingerkuppen greifen das Betttuch erneut, als wäre es ein weites Meer, ein totes Meer, das ihn trägt.
Später kreischen Schulkinder vor seinem Fenster. Der Mann hört sie, als wären sie eine Meile entfernt. Er zieht seine Ohrstöpsel. Die Kinder kreischen vor seinem Fenster.
Er schaut auf den Wecker.

12 Uhr 29.

Mittagessen wartet auf die Kinder. Sie springen weiter.
Der Mann ist nun wach. Er kann nicht wieder eintauchen in das weite, samtene Meer.
Er will nicht aufstehen und steht doch auf und nimmt den Tag in Angriff.

Diesen Tag.

Diesen neuen vergessenen Tag, der schon verloren ist, noch bevor er für den Mann begonnen hat.

9.998




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