Mann liebt Arzt

 
Der Mann hat keine Kraft mehr. Er kann nicht mehr. Kann nicht mehr schaffen, arbeiten, ist erschlagen durch und durch. Trotzdem will er leben, möchte er schreiben, lesen, lernen.

Er kann nicht.

Wenn er zur Entspannung ein Buch aufschlägt, kommt er keine Zeile weit, schon ist er erschöpft. Wenn er die Zeitung aufschlägt, überfliegt er die Schlagzeilen, nimmt sie nur als Flecken wahr. Die Bilder? Er sieht sie nicht, sieht kaum Farben, schon gar nicht irgendeine Form.

„Sie haben eine schwere Depression“, sagt der Arzt.
„Ja“, sagt der Mann und weiss, dass es nur die halbe Wahrheit ist.
„Hm“, sagt der Arzt um dem Mann Gelegenheit zum Reden zu geben, doch der Mann redet nicht, schaut nur leer.

Der Arzt schaut daher ruhig auf den Tisch vor sich. Sagt nichts.

Endlich sagt der Mann: „Ich fühle mich zutiefst geknickt. Meine Nerven sind zerrissen. Ich kann gar nichts mehr arbeiten, nichts mehr tun.“
„Ja“, sagt der Arzt leise.
„Ich habe ein Burnout. Ich fühle mich tot, erschöpft.“
Der Arzt nickt.
„Ich glaube, ich werde nie wieder auf die Beine kommen“, sagt der Mann.
„Aber, aber“, widerspricht der Arzt. „Das kriegen wir schon wieder hin.“
„Ja“, sagt der Mann. Nicht weil er weiss, dass der Arzt viele Medikamente im Schrank hat, oder besonders gut im Zuhören ist.
Der Mann spürt tief in sich, dass es nun endlich wieder aufwärts geht. Nicht, weil ihm einer zugehört hat. Sondern, weil er endlich sagte, was er sich schon längst hätte eingestehen müssen. Dass er am Boden zerschmettert ist.

Aber nicht am Ende.

Jetzt kann es nur noch aufwärts gehen.

Langsam hebt der Mann seinen Kopf.


























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