Schlafen oder Schreiben?


Der Mann liegt erschöpft im Bett, aber der Schlaf will nicht kommen. Es ist weit nach Mitternacht. Yogaübungen hat er schon gemacht, ein halbes Melatonin schon geschluckt. Doch die schwarze Decke, die ihn sonst immer stärker einhüllt, bleibt fern.
„Bleib nur ruhig. Irgendwann schläfst du ein“, spricht er zu sich ohne Worte.
„Ja, ich lass es einfach sein“, antwortet er sich selbst.
„Nur ruhig.“
„Ja.“
Er atmet langsam aus. „Ruuhhiiiig.“

Zehn Minuten später dreht er sich wieder. Vielleicht gelingt es auf dieser Seite. „Ruuhhiiiig“, murmelt er.
Dann. „Ah, verdammt“. Er dreht sich wieder. „Ich bin nicht ruhig“, stellt er ernüchtert fest
„Das bist du wirklich nicht.“
„Ich bin erschöpft, müde, krank.“
„Kaputt!“
„Trotzdem. Morgen muss ich funktionieren.“
„Dringend.“
„Mehr als dringend. Ich muss schaffen, schaffen. Den Auftrag, den ich morgen unbedingt machen muss, hab ich viel zu lange vor mir hergeschoben.“
„Ja, aber du warst krank.“
„Krank?“
„Ja, völlig erschöpft. Hast du den Nervenzusammenbruch schon vergessen?“
„Nein, aber morgen muss ich schaffen.“
„Daher musst du jetzt endlich schlafen. Unbedingt.“
„Damit ich schaffen und Geld verdienen kann.“
„Ja, schaffen, Geld reinholen, überleben.“
„Ohne Geld bin ich bald tot.“
„Geld reinholen.“
„Um zu überleben.“
"Geld, Geld, Geld."
"Geld, Geld, Geld."

Der Mann ruckt auf.

Das wäre eine schöne Geschichte, denkt er. Ein Mann, der dringend arbeiten muss um zu leben, aber was tut er. Er denkt nur an seine Kunst, an seine Geschichten. Er schreibt und schreibt und schreibt und verreckt dabei. Was soll der Mann also tun?

Schlafen oder Schreiben?


Was hätte Bukowski wohl getan?




















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Männerkörper


Der Mann kennt seinen Körper gut. Er versteht seine Mitteilungen, die Hinweise auf Stress und Überanstrengung.
Kürzlich war es wieder so weit. Aus dem Nichts heraus zitterten dem Mann die Hände. Das war der Auslöser genauer hinzuhorchen, was ihm sein Körper schon seit langem zu sagen versucht. Wahrzunehmen, was Grosses, Schweres sich hinter dem Nichts versteckt.  Es ist:

Zu wenig Schlaf.

Zu viel Sorgen.

Zu viel unerlöstes Leben.

Also wusste der Mann, dass er dringend einen Zacken zurückschrauben musste. Den Gang seines Alltags bremsen, gelassener werden, und weniger zweifeln, und einfach mal geschehen lassen. 

Sich weniger sorgen. 

Und akzeptieren, dass man nicht alles kontrollieren kann.
Es dauerte nur wenige Tage, nun ist ihm wieder wohl. Die Sorgen scheinen wie weggeblasen, die Stimmung aufgehellt, als wäre zäher Winternebel von der hohen Sonne weggefressen worden.
Wenn der Mann jetzt auf seinen Körper hört, spürt er wieder Kraft und Freude. Manchmal ertappt er sich sogar, wie er lächelt ob der Welt oder sogar ein kleines Liedchen pfeift.
Wie wunderbar gut dieses neue Medikament doch wirkt, denkt der Mann. Und wie schnell es angeschlagen hat.

Remotiv 800 mg.

Pro Tag.
























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Mann küsst Frau

Der Mann küsst eine Frau. Seine Frau. Diese eine ganz bestimmte Frau, die er liebt, ewig lieben wird.
Der Kuss ist zärtlich, kommt fast zögernd, zaghaft. Es ist eine leise Annäherung zweier Menschen im Kuss, wie eine Welle die von weit her kommt. Sie baut sich auf noch weit vor dem Strand, wächst unaufhaltsam, wird drohend, mächtig, überschlägt sich schäumend.
Der Mann spürt den Kuss als völlige Hingabe an das andere, die andere, an die eine Frau, für die er ewig da ist.
Es dauert nur einen Moment, dann schiesst die Welle weiter vorwärts, läuft auf den Strand, in der Kraft bereits gebrochen.
Dann ist sie ausgelaufen, steht zögernd still für einen Moment und zieht sich schon zurück, auch zögerlich zuerst. Doch unbeirrt und unaufhaltsam rutscht sie weg, vermischt sich wieder mit diesem weiten dunklen Meer.

Es ist vorbei.

Der Mann steht am Bahnhof Basel SBB und berührt seine Lippen. Der Kuss, die Welle hatte ihn überrascht. Sie war gekommen - einfach so. Noch bevor er sie festhalten konnte, ist die Erinnerung schon vorbei, wie es war, als er mit der Liebe seines Lebens zusammen war. Nun, viele Jahre später, mehr, als er je mit ihr zusammen war, sind es nur noch splittrige Erinnerung an eine verflossene Liebe. Sie überfallen ihn.

Manchmal.

Einfach so.
















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Mann küsst Mann

Der Mann küsst einen Mann. Es ist erregend, zärtlich, freundschaftlich, feierlich und einfach schön.
Schön ist es, weil es einzigartig ist. Der Mann tut das zum ersten Mal. Immer wieder hatte er gesehen, wie Männer sich küssten, aber nun tut er es selbst. Er hat gehofft, dass es ihm gefallen wird, doch nun ist er überrascht.
Überrascht ist er von seinen warmherzigen Gefühlen, aber auch von den Bartstoppeln, als er den Mann umarmt und ihn eigentlich nur drücken will. Sie kratzen seine feine gepflegte Wange wie die erbärmlichen Überreste einer über Jahrhunderte abgeschliffenen Metallbürste. Da nützt alle Biotherm Homme Extra Hydratante und Gucci Skin Control nichts mehr.
Aber es ist nicht vorbei für den Mann. Der Andere hat vielleicht den zarten Hauch seines Versace Eau-de-Toilettes wahrgenommen und will mehr - mehr! Er zieht den überraschten Mann von seiner Backe weg und zu sich hin und drückt ihm seine feuchten Lippen auf den Mund.
Der Mann, der zum ersten Mal einen Mann küsst, reisst die Augen auf und sieht in die Augen des anderen. Gross sind sie und freundschaftlich und freudig, die Pupillen hinter zartem Schimmer fast schon schwarz. Es ist, als würde eine abgestorbene Sonne am Horizont versinken.
Der Andere stösst den Überraschten ab und lacht und sagt etwas und es ist kratzendes Kauderwelsch und kaum zu verstehen aber irgendwann kommt ein „Kakosi“ über die Lippen des Urgroßvaters aus Serbien, der den Mann begrüßt hat, wie er alle Gäste begrüßt in seiner Stube, dort hinten in Südserbien, wenn Gäste kommen und er sie immer fragt: „Wie geht es dir?“


Miodrag.


90 Jahre.


Kommunist.


















 
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Anleitung zum sinnvollen Leben

Der Mann ist vollends k.o. Er ist erschöpft, depressiv, geknickt, kraftlos und hoffnungslos. Er kämpft einen sinnlosen Kampf.
Sinnlos ist der Kampf, weil der Mann keinen Sinn mehr sieht. So viel zu schaffen, so viel zu machen und so wenig Zeit und Geld und Kraft.

Eine kleine Hoffnung bleibt.

Dass alles plötzlich gut ist - oder vorbei. Beides ist gleich unwahrscheinlich. 
Der Mann spielt kein Lotto für Geld und er spielt auch kein Lotto mit seinem Leben, um einen schnellen Kick zu erhalten. Er will einfach nur leben und schaffen und gestalten und Sich-auch-einmal-freuen-können.

Was tun?

Weiterleben. Die Gedanken an das unverhoffte Glück ausleben, ohne daran zu verzweifeln. Die Gedanken an das alles Erlösende Sich-einfach-vor-den-Zug-legen zur Seite schieben, aktiv bekämpfen mit einem Spaziergang, einem Getränk auf der sonnigen Terrasse, einem Blick an den Horizont, einem grossen Croissant am Morgen, einem Die-Augen-zumachen-und-für-einmal-einfach-sein.

Einfach einmal leben.

Einfach.



Einmal.
























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Anleitung zum Glücklichsein II

Der Mann hat sich ein paar Gedanken gemacht über das Glück. Er hat mit einigen Leuten geredet, hat gehört, was sie meinen und nochmals nachgedacht darüber, was Glück ist und wie man es findet. Nun setzt er sich hin und schreibt sein Wissen auf.

Freunde.

Sinn.

Viel mehr bleibt nicht zu schreiben. Das ist alles an Tipps, was im Gesamten übrig bleibt. Nicht Geld, nicht Sex, nicht der Lottosechser bringen echtes Glück - auch nicht der mit Zusatzzahl. Der grosse Wagen ist es schon gar nicht. Morgen schon hat der blöde Nachbar einen grösseren. Und es sind auch nicht die eigenen Kinder. Die werden gross und vergessen einen. Häuser werden alt und gebrechlich. Beförderungen sind morgen schon vergessen. Ganz andere Dinge zählen.

Viele Freunde haben.

Sinn finden in dem, was man macht.

Vielleicht auch, zufrieden sein mit dem, was man hat.

Und Glück.

Glück macht glücklich.



Vielleicht.


















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Glück am Stück

Der Mann findet Glück höchstens in winzigen Momentsplittern. Meist kommt es wie eine Welle, dauert nur sekundenweise. Nach langem Tag, nach harter Arbeit, ein kurzer Moment von Einhalt, von Loslassen können, von Nichts-Tun-Müssen-Nur-Sein-Dürfen-Und-Alles-Vergessen-Haben. Dann ist der Moment wieder weg, ist der Mann wieder in der Welt, wie sie ist und wie sie nicht schön ist.

Heute ist alles anders.

Es ist Sonntag und der Mann ist aus dem Schwarz der Nacht aufgetaucht. Helle Sonnenstrahlen weckten ihn, vielleicht auch die Wärme, die deutlich grösser ist als normal. Sein Hemd war leicht verschwitzt, die Bettdecke unangenehm heiss. Sogleich stand er auf, rieb sich die verkrusteten Krümel aus den Augen, öffnete die Rolläden.

Sommersonne. Zum ersten Mal.

Der Mann ist erstaunt, wie wach er ist. Kein Kopfweh, kein Fluchtgedanke vor dieser Welt.

Frühstück!

Wieder mal ein richtiges Frühstück machen. Nicht nur schwarzen Kaffee trinken um das Blei von den Augen ab zu lösen, sondern Kaffee und zwei Stücke Brot und ein wenig Schinken herrichten. Und ein Spiegelei!
Das richtet der Mann her und fühlt sich wohl. Freut sich über sein Frühstück, das er auf seinen kleinen Mikrobalkon auf die Strassenseite trägt. Dort lässt er sich nieder.

Er ist glücklich.

7 Minuten.

Soviel Glück findet er manchmal am Abend vor dem Einschlafen.

7 Minuten.

Soviel Ruhe findet er in seinen 15-Minuten-Kaffeepausen bei der Fliessbandarbeit, wenn er sich ein wenig beruhigt hat, endlich einen Moment abschalten kann und der Gedanke ihn noch nicht erschlagen hat, dass es gleich wieder los geht mit dem Horror.

Und jetzt.

Er sitzt auf dem Balkon und weiss, dass er endlich mal Glück an einem ganzen langen Stück geniessen wird. Eine halbe Stunde bei sich sein dürfen. Wahrscheinlich mehr. So lange, dass man alle Zeit und alle Welt vergisst. Sein dürfen. Einfach in aller Ruhe auf seinem Balkon sitzen dürfen. Das Brot kauen, den Kaffee, das mit Mallorca-Salz gesprenkelte Spiegelei geniessen.

Harmonie erleben.

Ruhe geniessen.

Ruhe.

Noch bevor der Mann sich in den Stuhl gesetzt hat, geht ein Riesengeschrei los. Kinder aus der Nachbarschaft kommen um die Ecke geschossen, legen sogleich los mit ihrem Spiel, jagen dem Ball nach mit Geheul. Sie Kreischen. Schreien.

Glückliche Kinder.

Trauriger Mann.

Er trägt sein Frühstück in die Wohnung zurück, schliesst die Fenster.


  




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